Osternacht und Ostersonntag

Kurz vor Mitternacht...
Kurz vor Mitternacht...

Karsamstag ist der letzte Tag der Karwoche und somit der vorösterlichen Fastenzeit. Während der Grabesruhe Christi herrscht im kirchlichen Umfeld Trauerstimmung - jedoch weiß natürlich jeder, dass in nur wenigen Stunden die Stimmung schlagartig ins völlige Gegenteil kippen wird. Denn in der Nacht von Karsamstag auf den Ostersonntag ist der Höhepunkt der Osterzeit erreicht: Wir feiern die Auferstehung Christi. Die Katholiken tun das gerne bereits im Laufe des Samstagabends, die Griechisch-Orthodoxen hingegen nehmen es mit dem Zeitpunkt der Auferstehung auf die Sekunde genau.

Ostermesse

Die Ostermesse beginnt in Laufe der Samstagabends und erstreckt sich mit zahlreichen Lesungen über viele Stunden. Nur wenige Gläubige wohnen der gesamten Messe bei. Erst etwa eine Stunde vor Mitternacht füllen sich die Kirchen merklich, bis Innenraum und Kirchhof regelrecht überfüllt sind. Die Gläubigen warten, zumeist festlich gekleidet und mit einer geschmückten Osterkerze, der Lambáda in der Hand, auf den erlösenden Ruf des Priesters. Der erschallt um Punkt Mitternacht: "Christós anésti!" - Christus ist auferstanden!

Die Stimmung ähnelt der an Silvester. Schlagartig entlädt sich die während des langen Wartens angestaute Spannung in freudigem, gegenseitigem Beglückwünschen. "Christós anésti!" Worauf hin man erwidert "Alithós anésti!" Er ist wahrhaft auferstanden! Zeitgleich steigen Feuerwerksraketen auf, um die Auferstehung auch weithin zu verkünden.

Osterkerze und Rußkreuz

Anschließend folgt der private Teil der Osternacht. Man kehrt nach Hause zurück - immer mit Bedacht, dass das Licht der mitgeführten Osterkerze nicht erlischt. Mit dieser wird im Türsturz der Eingangstür ein Rußkreuz angezeichnet, welches idealerweise bis zum Osterfest im kommenden Jahr halten soll.

Im Kreise der Familie wird anschließend ausgiebig getafelt. Der Zeitpunkt mag etwas spät und somit ungewohnt erscheinen, aber wer sich während der Fastenzeit an die Vorgaben gehalten hat, erhält nun erstmals wieder die Gelegenheit für eine uneingeschränkte, fleischhaltige Mahlzeit.

Ostereierditschen

Neben Fleisch, Fisch und Milchprodukten sind nun auch wieder Eier auf dem Speiseplan gestattet. Somit ist die Rolle der rotgefärbten Ostereier als Dekorationsobjekt schlagartig beendet und sie werden zum Verzehr freigegeben. Das geschieht in einem unterhaltsamen Ritual, das in der Osternacht auf keinen Fall fehlen darf, dem Ostereierditschen - unter diesem Begriff ist es zumindest auch in manchen Regionen Deutschlands üblich. Bei diesem Eierduell stoßen zwei beliebig gegeneinander antretende Probanden zwei Eier gegeneinander. Wessen Ei angeknackst wird, der hat verloren. Verständlich, dass die Auswahl des Eies sowie die Halte- und Stoßtechnik schnell zu einer wissenschaftlichen Angelegenheit werden.

Ostersuppe "Magirítsa"

Der kulinarische Klassiker der Osternacht ist die Magirítsa, die Ostersuppe. Da sich im Laufe des Sonntags - also bereits in wenigen Stunden - das obligate Osterlamm am Spieß drehen wird, wurden diesem natürlich zuvor bereits seine Eingeweide entfernt. Und diese finden sich nun in der Magirítsa wieder. Was gruselig klingt, kann aber in Wahrheit ganz lecker sein. Und nebenbei gibt es noch eine Menge anderer Dinge zu Essen, exemplarisch für das, was im Laufe des Ostersonntags noch bevorsteht: Feiern, Essen, Trinken, mit der Familie, mit Freunden, und idealerweise im Freien bei frühlingshaftem Wetter.

Siegerei und Verliererei
Siegerei und Verliererei
Osterlamm und Kokorétsi
Osterlamm und Kokorétsi

Verbrennung des Judas

Ein recht derber Brauch am Ostersonntag in Milos ist die Verbrennung des Judas. Dabei wird eine lebensgroße Judas-Puppe am Galgen aufgehängt und dann in Brand gesteckt. Dieses Spektakel findet in mehreren Orten statt, in der Regel zeitversetzt. Die Installation des Galgens erfolgt frühzeitig und oft kündigt ein Schild den Zeitpunkt der Verbrennung an. Ein wenig befremdend mag dabei sein, dass der einzuäschernde Judas eigentlich nie wie ein Jünger aussieht, sondern meist einen schwarzen Anzug trägt, aus dessen Taschen Papiergeldscheine quellen. 

Dynamítes

Ein außergewöhnlicher und hinreichend bizarrer Brauch ist der simulierte Krieg zwischen den benachbarten und traditionell "verfeindeten" Dörfern Triovasalos und Pera Triovasalos. Man bewirft sich dabei gegenseitig mit selbstgebauten Sprengkörpern, allerdings derart, dass idealerweise niemand zu Schaden kommen kann. Um das zu gewährleisten, platzieren sich Vertreter der beiden gegnerischen Lager, die sich an die Front berufen fühlen, auf den Hausdächern nahe dem Feld zwischen beiden Orten. Beide Parteien stehen sich dabei seitlich versetzt gegenüber, so dass letztendlich die geworfenen Sprengkörper ins Leere fliegen. Dennoch erscheint das Ganze aufgrund deren beachtlicher Sprengkraft nicht ungefährlich.

Zur Historie dieses Brauchs gibt es unterschiedliche Aussagen. Einer zufolge haben sich - warum auch immer - vor vielen Jahrzehnten die Bewohner der beiden Dörfer einmal jährlich mit Steinen beworfen. Nach dem Weltkrieg war der Zugang zu Sprengstoffen einfach, und so ging man dazu über, Sprengkörper zu basteln. Gerüchten zufolge gibt es in Milos heute noch Bestände von deutschem Dynamit.

Der Ablauf der "Dynamítes", so wird das gegenseitige Bombardement am Ostersonntag genannt, ist alljährlich der gleiche. Die beiden gegenüberliegenden Kirchen Agios Spirídonas in Triovasalos und Agios Georgios in Pera Triovasalos sind gleichsam die Hauptquartiere der Kriegsparteien, die beide ihre Kriegsflaggen gehisst haben. Unter unentwegtem Glockenläuten bewirft man sich solange, bis die Munition zur Neige geht. Eine wesentliche Rolle kommt dabei auch den Priestern zu. Sie feuern die Zuschauer mittels Mikrofon an, wieder und wieder den Schlachtruf "Alimaaaaa!" zu skandieren und treten dabei recht weltlich als eine Mischung aus Moderator und Marktschreier auf. Nachdem schließlich die Ressourcen einer Seite erschöpft sind, wird die Gegenseite zum Sieger erklärt.