Immer genug Zeit einplanen
Ob es wirklich ein nachweislich griechisches Phänomen ist oder ob man nur eine von Klischees genährte Erwartungshaltung bestätigt sieht, weiß ich nicht. Aber unvorhersehbare Verzögerungen, Verschiebungen und Verwirrungen gehören bei einer Reise nach und durch Griechenland offensichtlich dazu. Sofern es einem gelingt, den griechischen Fatalismus zu adaptieren, übersteht man solche Situationen eigentlich immer ganz gut.
Der Bus X 95 soll mich eigentlich vom Flughafen zum Syntagma bringen. Stoppt aber noch weit vor Kolonaki und der Fahrer bedeutet den Fahrgästen, dass nun Schluss sei. Bitte aussteigen. Nun gehe ich immer erst einmal davon aus, dass ich als sprachlich minderbegabter Xenos einfach ein paar wichtige Infos nicht kapiert habe. Doch alle anderen Fahrgäste sind genauso erstaunt, diffundieren aber klaglos im Gänsemarsch Richtung Innenstadt. Der Fahrer klärt mich auf: Streik der Taxifahrer, Syntagma und Umgebung sind gesperrt, das geht schon den ganzen Tag so. Schön, aber hätte man das nicht ankündigen können? Egal, ti na kanoume… so rolle ich also mit meinem Trolley eine halbe Stunde lang durch Athen.
Nächster Tag. Nach den Erfahrungen des Vortags kalkuliere ich deutlich mehr Zeit für die Fahrt mit der Metro nach Piräus ein. Zu Recht, wie sich zeigen sollte. Vom Monastiraki fährt die Linie 1 gen Piräus, wie sonst auch, ohne Auffälligkeiten. In Kallithea aber stoppt der Zug und alle steigen nach einigem Zögern aus. Alle sehen aus wie ortsansässige Pendler, aber keiner weiß etwas Genaues. Und keinen scheint es zu interessieren. Irgendjemand glaubt zu wissen, dass ein Teilstück wegen Bauarbeiten gesperrt sein soll und dass in der Nähe ein Bus abfährt. Prima, dessen Fahrer erklärt, dass er zwar nicht nach Piräus fährt, ich aber in jedem Fall einsteigen soll. Das klingt widersprüchlich, aber ich glaube ihm. Und während dieser Bus einen unüberschaubaren Zickzackkurs beschreibt rückt der Abfahrtstermin der Fähre näher. Immerhin vermag ein Grüppchen sehr junger und sehr spärlich bekleideter amerikanischer Touristinnen mich temporär von meinen Zeitsorgen abzulenken. Sie wollen auch nach Piräus und wissen ebenso wenig wie ich Bescheid, was los ist. Ich gebe mich souverän und werde sie ab diesem Moment nicht mehr los. Als der Bus in Faliro hält, bedeutet uns der Fahrer auszusteigen und das letzte Stück wieder mit der Metro zu fahren. 50% der Fahrgäste glauben ihm immer noch und springen aus dem Bus. Und tatsächlich gelangen wir mit der Metro zum Hafen als sei nichts gewesen. Die Mädels sind begeistert und winken mir noch wild hinterher, “Have fun!”. Ja Danke, hab ich.
Fazit: Wer sich darauf verlässt, dass alles so funktioniert, wie es zunächst scheint und zudem knapp kalkulierte Zeitpläne gewohnt ist, wird in Griechenland schnell wahnsinnig werden. Wer das griechische Prinzip durchschaut hat, glaubt daran, dass letztendlich alles doch irgendwie klappt - und wird dann auch nicht enttäuscht.

